caratart Mentoren im Interview – 2: Stefan Beltzig

caratart Mentoren im Interview – 2: Stefan Beltzig

Bei einem Blick auf deine Vita stolpert man als erstes über deine Zeit als Akrobat beim Zirkus. Warum hast du dich damals dem fahrenden Volk angeschlossen und was ist deine schönste Erinnerung an diese Zeit?

Das war während der Schulzeit. Ich war in einem Internat und der Internatsleiter war Zirkusmensch, der hat uns trainiert. Dabei hab ich eine weibliche Clownin kennengelernt; Sie war der einzige weibliche Clown damals in Deutschland. Die ist dann zu uns gekommen und hat uns auch trainiert. Ich hab also Clown gelernt und sogenannte Parterre-Akrobatik. Wir traten rund herum in Deutschland auf und einmal in der Schweiz. Das war für uns als Internatsschüler natürlich toll, weil wir aus dem Internat ab und zu raus durften und auch mal mit den Leuten nach der Vorstellung einen Wein trinken und dabei ihren Geschichten zuhören konnten. Sowieso konnten wir länger aufbleiben wenn abends Vorstellung war. Wir mussten aber trotzdem normal die Schule weitermachen; da gab’s keine Befreiung davon. Aber es war insgesamt eine schöne Zeit – ich war mit dem Zirkus Krone, mit dem Zirkus Althoff und Zirkus Busch unterwegs bzw. sind wir dort als Gäste aufgetreten. Ungefähr vier Jahre hat das gedauert; auch in Varieté-Theatern traten wir auf.

Was hat dich nach deiner Zeit beim Zirkus dazu bewogen, dich der Kunst zuzuwenden?

Ich hab immer schon gern und viel gemalt und gezeichnet, mich mit Kunst beschäftigt, bin in Ausstellungen gegangen. Plötzlich wollte das Militär mich haben. Und da schien der einzige Ausweg zu einem mit meinen Eltern befreundeten Bildhauer zu gehen. Ich habe bei diesem Bildhauer eine richtige Lehre gemacht. Im Atelier war ich später sein Assistent und konnte dadurch erst mal dem Militär entkommen. Dann bin ich auf die Akademie nach München gegangen und habe ernsthaft mit Zeichnen und der Malerei angefangen. Und dabei ist es geblieben.

Deine Zeichnungen beschäftigen sich mit der Veränderung, meistens von Orten. Was reizt dich an dem Thema? Die Unwiederbringlichkeit des Moments?

Ich glaube, dass generell eine instabile Situation reizvoller ist als eine stabile Situation. Mit einer stabilen Situation meine ich das Bürgerliche, das Gediegene. Wo man genau weiß, was morgen los ist. Da ist nämlich genau das gleiche los wie heute und wie es gestern war. Das ist nicht sehr reizvoll, nicht sehr spannend, zumindest nicht für einen Künstler. Deshalb gehen auch viele Künstler in Länder, die sich im gesellschaftlichen Umbruch befinden, wo noch nicht alles ganz klar geregelt ist. Wenn man sich erinnert an Prag, als die Westöffnung kam, das ist damals schier überrannt worden, insbesondere von jungen Amerikanern. Es war noch nicht klar, wie die Dinge sich entwickeln werden, aber da sind schon die Künstler rein. Prag lebte natürlich noch von seinem früheren Ruf, war aber zu diesem Zeitpunkt alles andere als glitzernd.

Aber gerade das Marode macht oft den Reiz aus für uns. Ich persönlich liebe Gegenden wie einen Schlachthof oder Hafenviertel, Stadtrandgebiete mit Industrie, also nicht gerade begehrenswerte Wohnorte, sondern eher die »Rückseite der Medaille«. Das sind oft Orte, die sich am schnellsten und stärksten verändern. Unser Leben im Allgemeinen hat sich in den letzten paar Jahrzehnten unglaublich verändert, durch Elektrizität, Telefon, Internet.

Was würdest du jungen Künstlern als wichtigsten Rat mit auf den Weg geben?

Eigentlich weiß ich nicht, was ich den jungen Kollegen raten könnte. Sie sind ja schon auf dem ›richtigen‹ Weg, haben die Kunst gewählt um sich mit der Gesellschaft und ihrer Umwelt auseinander zu setzen, ihr gegebenenfalls einen Spiegel vor zu halten. Das erfordert ein gewisses Bewusstsein, Engagement und Ausdauer. Rückschläge, Missverständnisse und Enttäuschungen sind da vorprogrammiert; also das einzige was ich raten könnte ist: Nur Mut!

Und zum Schluss möchten wir noch wissen, was du als nächstes vorhast. Planst du einen neuen Bilderzyklus?

Ja, ich arbeite gerade an einem Zyklus für die Ausstellung in München im Herbst. Über New York. Da gibt es einen Kanal in Brooklyn, der sehr verschmutzt ist und sehr industrialisiert, aber man merkt stellenweise schon die Veränderung, die sich anbahnt. Es gibt den Kanal entlang, an diesen Industriehallen, immer mehr Real Estate Zeichen mit Telefonnummern von Maklern, denn die Industrie zieht aus. Zuerst ziehen Bands und Theatergruppen in diese leeren Gebäude ein, weil sie da ideale Proberäume haben und sonst anspruchslos sind. Es dauert aber nicht sehr lange, dann wird aus diesem Kanal, wenn er gesäubert ist, eine erste Adresse für Luxus Apartments. Das wird so in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren sein. Dann kann man sich mit dem Boot nach Hause schippern lassen, vom Hafen in New York direkt vor die Haustür. Das ist die industrielle Vergangenheit einer Großstadt, die ich da zu erfassen suche.

Dieses Interview wurde erstmals veröffentlicht im Ausstellungskatalog zur Kunstausstellung “caratart Episode 1″. Blättern >>

 

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