caratart Mentoren im Interview – 4: Werner Pawlok


Wann hast du die Fotografie für dich entdeckt und was war deine erste eigene Kamera?

Zur Fotografie kam ich mehr oder weniger zufällig. Schon als Teenager hatte ich die Malerei für mich entdeckt. Ich versuchte möglichst realistisch, fast schon fotorealistisch zu malen – leider war ich mit den Ergebnissen nie richtig zufrieden. So kam es zwangsläufig, als ich meine erste Kamera von meinen Eltern geschenkt bekommen habe, eine Kodak Instamatic, dass das Medium Fotografie mein Ding wurde.

Was hat die Fotografie so viele Jahre lang für dich spannend gehalten?

Ich hab mich mit der Fotografie nie auf ein Objekt oder eine Sparte festgelegt, sondern ich war grundsätzlich in alle Richtungen offen. Zunächst kam eine Phase, da musste ich erstmal begreifen, was Fotografie für mich bedeutet… Vor ausschicken möchte ich noch, dass ich Autodidakt bin. Das heißt, ich habe keine konkrete Ausbildung in Richtung Fotografie gemacht. Ich habe nie für irgendeinen Fotografen assistiert. Auch da war es für mich wichtig, möglichst unbefleckt zu bleiben. Heißt, ich wollte nicht kopieren, ich wollte auch keine direkten Vorbilder haben, denen ich nacheiferte. Ich wollte einfach, dass die Dinge, die passieren, aus mir selber kommen, mit allen Höhen und Tiefen und der ganzen Konsequenz, die das Ganze mit sich bringt.

Und so war dann der erste Schritt logisch, erstmal die Technik in den Griff zu bekommen. Ich hab damals ziemlich viele Fachbücher gelesen, das Gelernte in der Praxis ausprobiert, um dann mit ganz banalen Aufgaben anzufangen und diese zu lösen. Ich habe mich mit 23 Jahren selbstständig gemacht, brauchte Kameras und so weiter, musste also Geld verdienen. Der erste Schritt war demnach dort Fuß zu fassen, wo die Budgets lagen – in der Industrie. Die ersten Aufträge waren Still‐lifes, da lernt man dann wirklich mit dem Licht umzugehen und sich mit Technik auseinander zu setzen. Es hat dann auch ein paar Jahre gebraucht, bis ich dann sozusagen mit mir und den Ergebnissen zufrieden war. Durch diese Erfahrungen konnte ich meinen Horizont wesentlich erweitern und mich weiter um die Dinge kümmern, die mich interessierten und die ich als wesentlich empfand.

Ich habe mich dann peu à peu bei Werbeagenturen für Kampagnen beworben. Selten mit einem Portfolio mit Auftragsarbeiten. Es waren meistens freie Arbeiten, die ich präsentierte. Sicher ein gutes Rezept, denn die Art‐Direktoren wollten nicht das sehen, was sie selber jeden Tag vor der Nase hatten. Grundsätzlich hat sich Fotografie bei mir immer auf zwei Ebenen abgespielt. Die eine Richtung war die meiner freien Arbeiten, sozusagen das Spiegelbild meiner Seele und Ausdruck meines Seins und meiner Stimmung. Die zweite Ebene, wie kann ich überleben, wie verdiene ich Geld, war natürlich auch sehr wichtig und ein selbstverständlicher und ehrlicher Deal mit mir selber. Schon damals konnte ich beobachten, wie viele meiner Kollegen extreme Schwierigkeiten mit diesem Spagat hatten. So hat mir meine ureigene Überzeugung extrem geholfen, mich weiterzuentwickeln.

In der Praxis waren das am Anfang Schwarz‐Weis‐Fotografien. Vor allem Menschen, Porträts, Reportagen – das Übliche. Ganz am Anfang, das hätte ich beinahe vergessen, waren es eigentlich Bands auf der Bühne. Ich bin damals von Konzert zu Konzert gereist und habe fast alles gesehen, was auf Tour war. So entstanden meine ersten freien Arbeiten. Ein besonderes Highlight war mit 16 Jahren Jimi Hendrix auf der Bühne zu fotografieren. Bands wie The Who, Jethro Tull, Black Sabbath, Pink Floyd, et cetera folgten. Das hat mir einfach riesig Spaß gemacht. Ich lernte die ganzen Veranstalter kennen, durfte auf die Bühne hoch und konnte mich austoben. Zum damaligen Zeitpunkt noch ohne jegliche kommerzielle Perspektive. Dann war Reisen ein sehr wichtiges Thema. Marokko, Türkei, USA, Ägypten. Mit 16 Jahren nach London und von London dann bis nach Schottland hochgetrampt. Immer die Knipse dabei.

Heute entdecke ich diese Arbeiten wieder und fange an, diese alten Arbeiten neu zu sehen. Gerade habe ich eine Serie wieder entdeckt und ausgearbeitet, sie nennt sich Moving Cities‐London. Das sind Motive aus den 60er Jahren, die ich aus meiner jetzigen Sicht, mit dem Blick auf das Vergangene umsetze. Bei dieser Serie bekommt meine immer noch sehr starke Affinität zur Malerei eine wichtige Rolle in der Umsetzung.

Du spielst mit der Bildbearbeitung und auch den unterschiedlichen Materialien. Was macht daran der Reiz aus? Wie wagst du dich an neues Material heran? Du hast ja mal mit Polaroids gearbeitet und auch in der Bildbearbeitung gehst du ja immer wieder neue Wege. Wie kommst du da drauf?

Was ist das Geheimrezept?

Genau!

Da gibt es eigentlich keines. Die Dinge kommen eigentlich zu mir. Das ist nicht so, dass ich da überlegen muss, wie bin ich kreativ, sondern es passiert. Ich glaube, dass ich mit offenen Augen durchs Leben gehe. Dinge, die mir gefallen und mich interessieren, die speichere ich ab und dann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, fange ich einfach an diese Eindrücke in Bilder umzusetzen. Es gibt keine Vorgehensweise, so dass man sagen könnte, das ist immer so. Sondern das sind meistens Zufälle aus denen sich neue Projekte entwickeln. Oft arbeite ich über Jahre an ganz unterschiedlichen Projekten.

Es war auch ein Zufall mit meiner Zusammenarbeit mit Polaroid. Das war Ende der 80er Jahre, 1987, da wurde ich von Polaroid auf meine Arbeiten angesprochen. Es ging damals um die Neueinführung eines Dia‐Films, er nannte sich PolaChrom und PolaPan und war ein 35mm Film, den man quasi vor Ort direkt ›on location‹ entwickeln konnte. Ich wurde gebeten, mal ein paar Tests mit dem Material zu machen. Und so kamen wir ins Gespräch und dann wurde mir die 50×60 Kamera angeboten bzw. ich durfte mit dieser wunderbaren Kamera arbeiten. Dies war einer dieser ganz normalen Prozesse, dass das eine das andere ergeben hat und plötzlich war ich mittendrin. Mehrere Jahre arbeitete ich mit der 50×60 Polaroid‐Kamera, es war mein Ding – jedes Bild ein Original – das gibt es heute in der Form gar nicht mehr. Aber als ich dann das Gefühl bekam, dass ich anfange mich selber zu wiederholen, war einfach für mich total klar, jetzt muss etwas Neues kommen. Es kam Neues – dies war das Zeitalter der Computer und ich war von Anfang an mit dabei. Die ersten Workshops bei Kodak, dem Filmhersteller, die sich mit digitaler Fotografie beschäftigt haben. Es war ein Glück!

Apropos Anfang – auch da gab es verschiedene Ebenen. 1978 eröffnete ich eine Galerie in Esslingen, es war die erste Fotogalerie in Süddeutschland. Damals eigentlich noch völlig undenkbar, Fotografie als Kunst. Es gab viele Gespräche in der Richtung »Was soll das? Du investierst hier in eine Sache, die dir sowieso nix bringt.« Aber wenn ich es heute sehe, welchen Stand die Fotografie in der Kunst hat, dann war das eigentlich eine total wichtige Eingebung, Pionierarbeit zu leisten. Die Fotografen, die mich interessierten, wurden gezeigt. Hier schließt sich jetzt auch der Kreis mit dem Mentoren‐Programm.Es hat mir immer wieder Spaß gemacht, Leute auszuwählen, deren Potential ich erkannte, diese kennenzulernen und zu fördern, Prozesse zu durchleben oder auch gemeinsam an Projekten zu arbeiten.

Meine Arbeit an der Kunstakademie in Stuttgart – auch ein prägender Schritt. Ich war gerade mal 24 Jahre alt, und selber noch völlig am Anfang, bekam die Aufgabe, Studenten mein bisheriges Wissen zu vermitteln. Es war eine sehr gute Möglichkeit meinen Status abzufragen. Das hat total Spaß gemacht und man stellt fest, wie sehr es einem selbst etwas bringt, wenn man offen ist. Ich war nie jemand der unter Verschluss gearbeitet hat, habe mich immer für neue Dinge geöffnet. Sei es durch Workshops oder Vorträge oder auch immer wieder durch die Aufnahme von Praktikanten ins Atelier, denen ich meine Erfahrungen weitergeben konnte.

Gerade das offen sein für Neues und das Reisen, welches du ja vorhin schon angesprochen hast, ist nicht nur bei dir, sondern für viele Künstler eine wichtige Erfahrung.

Grundsätzlich behaupte ich, dass du vor allem als Künstler offen und tolerant sein solltest. Es gibt dir die Chance, als Mensch akzeptiert zu werden. Du bekommst dadurch Einblicke in Dinge, die für die Entwicklung sehr wichtig sind. Besonders auf meinen Reisen hat mir dies stets sehr geholfen. Wenn du als Künstler aufhörst, offen zu sein, dann glaube ich, wird deine Kunst eindimensional und sehr begrenzt. Ich habe immer Künstler hinterfragt und auch kritisch beobachtet, die einmal ihr Ding gefunden haben und sich dann tausendmal wiederholten. Für mich war immer Prämisse, mich nicht zu wiederholen, mich vom Erfolg nicht beeinflussen zu lassen. Nur wenn ich selber für mich das Gefühl habe, dass ich mich in meinem Projekt nicht weiterentwickele, fange ich mit neuen Projekten an, um mich weiter zu bewegen. Wenn ich keine Bewegung mehr spüre, bedeutet das Stillstand und dann sehe ich auch meine Rolle nicht mehr in einem Projekt.

Alle deine Projekte sind spannend, aber hast du ein Lieblingsprojekt? Was hat dir am meisten Spaß gemacht oder was hat dich am tiefsten bewegt?

Werten kannst du deine eigenen Projekte sowieso nicht. Und wenn du nach dem spannendsten fragst – es sind so viele spannende Dinge passiert. Die Ideen zu den Projekten entstehen in mir. Das heißt, ich suche nach Dingen, die mich interessieren und das ist die Maßgabe. Zum Beispiel das »Stars and Paints Projekt«. Die Idee von mir war, den Porträtierten einfach mal ein Stückchen zurückgeben, als kleines Dankeschön, dass sie mich in meinem Leben beeinflusst und begleitet haben. Also von denen ich z.B. einen spannenden Film gesehen habe, eine interessante Fotografie oder eine bestimmte Musik. Damals dachte ich, das wär doch ein Wahnsinn, die alle einmal kennenzulernen. Du machst dir so eine Wunschliste und versuchst das einfach zu erreichen – und plötzlich war da Roman Polanski, Juliette Binoche, Pedro Almodovar oder Jean‐Loup Sieff vor meiner Kamera.

Die Frage nach der Wertung kann ich nicht beantworten. Ich fand alle, jedes auf seine Art, einfach perfekt.

Sonst hättest du sie ja nicht gemacht… Jetzt bist du ja Mentor bei uns im caratart e.V. Was motiviert dich, jungen Künstler etwas mitzugeben? Du hast ja schon von der Akademie gesprochen. Was möchtest du bei und mit uns bewegen?

Es ist doch grundsätzlich so, wenn du mal ein bestimmtes Alter erreicht hast, entweder behältst du dann alles für dich und alles bleibt beim Alten, oder du gibst deine Erfahrungen weiter. Für mich ist es eigentlich die Basis, bestimmte Dinge weiterzugeben. Und dann war ich ja auch jemand, der in dieser Umbruchzeit von analog zu digital gearbeitet hat, das heißt ich hab 100% analoge Technologie mitbekommen, ich hab selber mit der Schale entwickelt. Wir hatten mal ein großes Labor mit viel Chemie und Entwicklungsmaschinen. Und inzwischen bin ich voll drin in dieser ganzen Digitaltechnik. Das sind Prozesse. Und das merke ich auch, wenn ab und zu mal jemand vorbeikommt, der jetzt Anfang 20 ist, auf deinem Leuchttisch liegen Dias und der fragt dich dann »Was ist denn das?«. Dann hab ich hier eine Aufgabe, bestimmte Dinge zu vermitteln, bevor sie vollkommen vergessen werden. Wobei, eins macht mir ja Mut, es gibt auch wieder junge Fotografen, die absolut mit analoger Fotografie wieder etwas anfangen und sich total dafür interessieren. Und gerade da ist es wichtig, bestimmte Erfahrungen weiterzugeben, die ich mit der Analog‐Fotografie gemacht habe. Mir macht es einfach Spaß die gelernten und erfahrenen Dinge weiterzugeben. Dass die Fotografie einfach so, wie ich sie verstehe, weitergetragen wird und noch viele Freunde findet.

Dieses Interview wurde erstmals veröffentlicht im Ausstellungskatalog zur Kunstausstellung “caratart Episode 1″. Blättern >>

 

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