Robert Menasse über Ursula Singer

Robert Menasse über Ursula Singer

Es ist gar nicht so einfach, einen Text über sich selbst zu schreiben. Deshalb ist es für Künstler wichtig und auch sehr schön, wenn Freunde und Fans ihrer Kunst die Freude an ihren Arbeiten zum Ausdruck bringen können.

Ein schönes Beispiel hierfür ist der Text vom österreichischen Schriftsteller Robert Menasse über die Künstlerin Ursula Singer, welche u.a. in unserer Ausstellung “caratart Episode 2” mitwirken wird:

“Es ist immer sehr schwer zu erklären, warum Bilder einem etwas SAGEN, und WAS sie einem sagen – darum sind es ja Bilder und nicht Texte. Spezialisten haben Worte für Bilder, aber diese Worte haben ein dialektisches Problem: Sie können EINZIGARTIGKEIT (eben Kunst) beschreiben, aber als Spezialist musst Du das sozusagen SERIENMÄSSIG können, also eine Masse von Einzigartigen bilden, denn mit den Worten für einen einzigen Einzigartigen bist Du kein Spezialist. Diese Einleitung nur, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich bin also kein Spezialist, kein Experte. Ich habe diese Worte nicht, die fachmännisch erklären könnten, warum mich deine Bilder so ansprechen. Aber ich habe Worte für meine Gefühle und Worte für meine Reaktionen, wenn mich etwas berührt (das ist schwer genug). Und ich kann versuchen zu antworten, wenn mir etwas gesagt wird, auch wenn das Angebot zur Kommunikation nicht aus Worten besteht, sondern eben ein Bild ist. Jedenfalls, ich fühle mich durch deine Bilder im schönsten Sinn des Begriffs ANGESPROCHEN. Das ist noch nicht alles, aber das ist schon sehr viel.

Und deine Bilder berühren mich. Das ist so.

Und wenn ich mir das also klar gemacht habe, dann kann ich auch SAGEN, also WORTE finden, warum mich die Kommunikation mit deinen Bildern so anregt, so herausfordert: diese Bilder nehmen die Welt FRAGEND wahr, und dort, wo wir in der Regel das Fragen schon verlernt haben, weil wir Gewohnheit mit Verständlichkeit verwechseln, dort baust Du in den Bildern kleine Rätsel ein, Brüche, die die Fragwürdigkeit herausstreichen, und “Streichen” ist in Hinblick auf die Arbeit mit dem Pinsel ja auch ein sinniges Wort. Zum Beispiel das Bild mit Mutter und Kind am Strand – es ist völlig rätselhaft, warum da eine Reiterarmee sich hervorschält. Man kann das Bild lange anschauen, es ist kein billiges Rätsel, es wird einem mit der Zeit immer klarer, dass das sich so abbilden muss, es gibt kein Glück ohne Bedrohung, na gut – aber warum Reiter? Darüber kann man auch lange reflektieren, ich könnte jetzt eine Stunde vor mich hin tippen, bis hin zur Pointe, dass Der Blaue Reiter jetzt schwarz geworden ist, in die Düsternis des Verdrängten abgesunken ist (was auch überinterpretiert sein kann, aber auch das muss ein Bild erst schaffen: überinterpretiert werden zu können!) usw. Oder das Porträt, das sich in ein Viereck hineinzwängen muss und es doch übertritt, sozusagen die Grenzen des Kästchens nicht akzeptiert… Begrenzt und zugleich entgrenzt – das gibt mir die Möglichkeit, mit dem abgebildeten Menschen zu kommunizieren, es überfordert und unterfordert mich nicht, weil klar ist: das ist kein Idiot und auch kein Held, es ist ein Mensch.”

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse über Ursula Singer, Februar 2012

 

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