Text zur Ausstellung “caratart Episode 2” und der Vernissage “Rotkäppchen vs. Der böse Wolf”

Text zur Ausstellung “caratart Episode 2” und der Vernissage “Rotkäppchen vs. Der böse Wolf”

Der Titel des Events fuhrt sofort in die Welt der Wettkämpfe: DJs im Plattenduell, Showringen und Boxkampfe. Zugleich evoziert der Titel die Kunstgeschichte und ihre Qualitätsurteile sowie den Kampf innerhalb der Künste um den Vorrang. Die Geschichte der Kunst ist durchgängig davon geprägt. Der Paragone, der “Wettstreit der Künste” um die Vorrangstellung innerhalb der Bildenden Künste in der Renaissance und im Frühbarock, ist dafür ein lebendiges Beispiel. In der Moderne geht es dann um Stilrichtungen: Ein Ismus knüpft an den anderen an, immer mit dem Ziel, das Vorherige zu verdrängen, was als Fortschreibung der künstlerischen Entwicklung postuliert wird. In den Dichotomien von Rotkäppchen und dem Bösen Wolf sowie Deutscher Romantik und Streetart tritt augenfällig in Erscheinung, worum es dabei geht: um die wertenden Zuschreibungen von gut und böse, richtig und falsch, alt und neu und um besser als. Wird in Rotkäppchen versus der böse Wolf noch ein Entweder-oder gedacht, so wird im Untertitel diese exkludierende Haltung zugunsten eines Sowohl-als-auch umformuliert. Geschichte trifft Gegenwart, Ende offen.
 
Das Konzept des Kunstevents trifft damit den Nerv des derzeitigen Kunstdiskurses. Unter welchen Gesichtspunkten kann gegenwärtige Kunstproduktion betrachtet werden? Sind die gängigen Qualitätszuschreibungen wie Einzigartigkeit, Authentizität und eine eigene, unverwechselbare Handschrift noch anwendbar? Wie funktioniert eigentlich Wertung? Ist das Festhalten an der Vorstellung des künstlerischen Genies – eine tradierte Vorstellung der Renaissance, die als Beginn der geistesgeschichtlichen Moderne (lat. modernus: neu, neuzeitlich, gegenwärtig) gilt – noch haltbar? Wie vollzieht sich überhaupt Geschichtsschreibung und damit unsere Sicht auf die Welt und unser eigenes Selbstverständnis? Beschreiben Epochen und Stilbegriffe tatsachlich künstlerische Praxis oder sind sie Konstrukte einer spezifischen Sichtweise und eines linearen Denkansatzes? Können lineare Sichtweisen aufrechterhalten werden? Sind Konzepte von Gleichzeitigkeit und Durchdringung nicht viel näher am Weltereignis? Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, insbesondere die der Quantenphysik, sprechen eher für Modelle von Gleichzeitigkeit: Ein Quant kann gleichzeitig hier und dort sein. Erst durch den Eingriff der Beobachtung erfolgt eine Festschreibung, ein Standort.
 
Übertragen auf Geisteshaltungen wurde eine Sichtweise, die Gleichzeitigkeit mit der Option von unendlich vielen realisierbaren, gleichrangigen Möglichkeiten annähme, einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel zeitigen. Geschichte und Gegenwart wären beispielsweise als eins zu denken. Ein derartiger Paradigmenwechsel brächte grundlegende Veränderungen in Wissenschaft, Forschung, Politik, Wirtschaft und auf sämtlichen gesellschaftlichen wie auch individuellen Ebenen mit sich. Es scheint, als ob die gegenwärtige Kunst diesen Paradigmenwechsel schon vollzogen hatte. Die zeitgenössische Kunstpraxis verwirklicht Gleichzeitigkeit und Durchdringung. Ungezwungen und oftmals spielerisch bedienen sich die Künstler/-innen aus dem großen Fundus vorangegangener und derzeitiger Kunst, sampeln und adaptieren, erproben neue Techniken und Medien und überschreiten die ehedem festgelegten Grenzen der Kunstgattungen, was sich häufig in der Inszenierung von „Gesamtkunstwerken“ verdichtet. Gegenwärtige Kunstbetrachtung ähnelt oftmals einem Dejavu-Erlebnis. Die einen vermuten darin eine Stagnation der Künste bzw. einen unausweichlichen und fortgeschriebenen Historismus, da in den Künsten schon alles formuliert sei und infolge nur noch ein Neo und Retro möglich sei. Die anderen hingegen feiern die Befreiung der Künste aus systemimmanenten Fesseln. Die Kuratoren von Rotkäppchen vs. Der böse Wolf – Deutsche Romantik trifft Streetart gehören zweifelsohne zu den Feiernden.
 
LawOne, Graffiti Der Bogen des Events wird weit gespannt, die Inszenierung verfolgt ein lebendiges Erlebnis im Sinne eines Gesamtkunstwerkes. Schauplatz dieser Inszenierung ist der öffentliche Raum, genauer gesagt zwei Hotels, die sich in unmittelbarer Nähe zueinander befinden. Bespielt werden Fenster, Innenhof, Tiefgarage und Räume. Dabei durchdringen sich Bühnenbild, Malerei, Graffiti und Lichtkunst. Rotkäppchen: Studenten und Studentinnen der Klasse Bühnenbild und -kostüm der Akademie der Bildenden Künste München inszenieren unter Leitung von Professorin Katrin Brack und caratart-Mentor Roland Olbeter die Rotkäppchen-Erzählung von Joachim Ringelnatz in sechs Fenstern des hotelmüller München. Der böse Wolf – Streetart: Die Tiefgarage vom benachbarten carathotel München verwandeln die Münchner Graffiti-Künstler Loomit und LawOne gemeinsam mit Schülern des musisch orientierten Pestalozzi-Gymnasiums in München live in eine Graffiti-Märchenlandschaft. caratart-Episode 2: Die Kunstausstellung „caratart Episode 2“ stellt zwölf zeitgenössische Künstler/-innen in den öffentlichen Raumen des hotelmüller München und des carathotels München vor. Märchenwald: Ein mit Waldgeräuschen beschallter Durchgang führt in den Innenhof des hotelmüller München, der in ein traumhaft illuminiertes Märchenwald-Labyrinth verwandelt ist. Auf eine freie Hauswand werden die Kunstwerke der Ausstellung „caratart Episode 2“ projiziert. Die Projektion wird immer wieder von einem Livestream vom Bösen Wolf, der Streetart-Performance in der Tiefgarage des carathotels München, unterbrochen. Hier im Märchenwald treffen sich Rotkäppchen und der böse Wolf, Streetart und Romantik. Diese freie Durchdringung der Künste im Innenhof des hotelmüller München wird auch von der präsentierten Kunst in der Ausstellung „caratart Episode 2“ gespiegelt.
 
Julie Keupen Im Mittelpunkt der Kunst von Julie Keupen steht beispielsweise die Erzählung „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Die Künstlerin untersucht in ihren Werken die tiefenpsychologischen Schichten dieser Erzählung. Dabei interpretiert sie die Figur der Alice völlig neu als pubertierendes Mädchen, das zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit die eigene Sexualität erkundet. Makrofotografische Details und Tuschezeichnung verschränken die verschiedenen Erzählebenen zu surrealen Traumlandschaften.
 
Etwas dezidiert Surreales ist ebenfalls den übermalten Fotografien von Elis Hoymann eigen. Mit expressiven Malgesten verfremdet sie die eingefangenen Motive, arbeitet sich vom Abbildhaften zum Abstrakten vor und betont so deren jeweiligen bildimmanenten malerischen Qualitäten. Die „optisch-realistischen Abbilder der Wirklichkeit“ und die haptisch erfahrbare Farbe verdichten sich dabei für das „tastende Auge“ zu einem spannungsvollen Seherlebnis.
 
Andreas Oesch Abstrahierende Verfahren sind auch Teil der künstlerischen Strategie, die Andreas Oesch in seinen Fluss- und Mauerbildern fruchtbar macht. Auch er übermalt Fotografien. Dabei bildet er mit Papier reliefartige Strukturen, so dass sich formal und inhaltlich verschiedene Schichten übereinander lagern, sich durchdringen. In die Bildwelten eingeschriebene Wortfragmente evozieren fluides, frei assoziierendes Denken, das von einem Gedanken zum anderen gleitet. Die zarte Farbigkeit verleiht den Bildern eine atmosphärisch-poetische Dichte.
 
Hanjo Schmidt Atmosphärische Dichte kennzeichnet ebenso die fragilen Farbraume von Nadine Lindenthal. Sie führen den Betrachter an imaginative Orte jenseits der Alltagserfahrung, die ihren materiellen Niederschlag auf der Leinwand gefunden haben. Die Künstlerin versteht ihre abstrakten Malereien als „Reisen in geistige Bereiche“, in „Innenwelten“, die sich suggestiv über die Illusion von Formwelten und Bildtiefen mitteilen. Eine scheinbar völlig gegenläufige Position nehmen die figurativen Menschenbilder von Hanjo Schmidt ein. Der expressive Farbauftrag und die schnelle Malgeste bilden Farbinseln, die die Gestalten zerfallen lassen, ihre organische Einheit aufheben und den Menschen als das entkleiden, was er ist: ein widersprüchliches Wesen, das außer schön auch ebenso verletzlich, schroff und suchend ist. Schmidts Malereien sind so gesehen psychologische Porträts. Sie wenden sich Existenziellem und somit ebenfalls Geistigem und „Innenwelten“ zu.
 
Auch in den Malereien von Jonathan Sheratte steht der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung. Fur Sheratte ist das Malen die Begegnung zwischen dem „Ich“ und dem „Anderen“, wobei das Andere die Farbe, das Objekt, der andere Mensch sein kann. Das Malen ist ihm Selbstvergewisserung und Vergewisserung von Welt. Seinen gemalten Begegnungen ist eine gedehnte Unmittelbarkeit eigen.
 
Ben von Stietencron Existenzielles und die Frage nach dem eigenen Ich prägen gleichfalls die Malereien von Ben von Stietencron. Für ihn haben Gesichter den höchsten Identifikationsgrad. Deswegen malt er „Kopfmenschen“, wobei er Elemente der Art brut, Collage und expressiven Kunst mischt und sich „Kopf für Kopf zum Selbst des Menschen vorarbeitet“.
 
Katharina Schick Im Gegensatz zu diesen direkten, nahezu kruden Betrachtungsweisen des Selbst dienten der Romantik Tiere als Bedeutungsträger für das Innere des Menschen: Das Tier fungierte als Teil ursprünglicher Harmonie, als Ausdruck seelischer Disharmonie und Indikator der inneren Gemütsstimmung. Eine solch verinnerlichende Betrachtungsweise wird von Katharina Schick in ihren Tierbildern völlig konterkariert. Humorvoll und ironisierend spielt sie mit dem Genre. Farben, Fragmentierungen und Perspektiven verfremden Bekanntes, ungewöhnliche Motivverknüpfungen lassen schmunzeln.
 
Dieser spielerische Umgang mit Vorhandenem findet sich auch in den Werken von Ursula Singer wieder. Sie sampelt sich lustvoll durch die Kunstgeschichte der Moderne, kombiniert tradierte Motive und Themen zu unerwarteten Zusammenhängen, die ihre eigene Logik entfalten.
 
Keiner singularen Bildidee verpflichtet fühlt sich auch Marco Rietz. Was sein Werk zusammenhält, ist die Technik. Er „zeichnet“ mit Schleifpapier auf der Rückseite von Spiegeln und knüpft so an die Tradition des Glasschliffs an. Seine „Spiegelbilder“ haben oftmals den Charakter von Tattoos, einer Kunstform, der sich Rietz sehr verbunden fühlt.
 
Razan Bahadin Eine nachdenkliche Position innerhalb der Ausstellung nehmen Razan Bahadin und David Baur ein. Die Künstlerin Razan Bahadin verarbeitet Bilder und Themen unserer Gegenwart und Geschichte, surft durch Popular- und Undergroundkultur, Alltag und Kunstgeschichte. Dabei arbeitet sie feinsinnig die abgründigen, dunklen Seiten heraus und kreiert so ein subversives düster-ironisches kollektives Bildgedächtnis.
 
David Baur David Baurs Themen sind Krieg, Zerstörung, Gewalt, Tod und die Ästhetik des Grauens. Dabei bedient er sich ebenfalls unseres kollektiven Bildgedächtnisses, das durch Medien, Berichterstattung, Werbung, Hollywoodproduktionen, moderne Mythen sowie tradierte Bilder persönlicher Erinnerungen geprägt wird. Im Blickwinkel steht die Frage, wie sich Bildwirklichkeiten konstituieren und wie sich Produktions- und Rezeptionsbedingungen organisieren. Damit untersucht er zugleich die Konstruktion von Geschichte, die Baur als Geschichtsbild des jeweiligen Siegers entlarvt. Seine dunkeltonigen, meist schwarzweis gehaltenen Malereien demonstrieren eindrücklich die wirklichkeitskonstituierende Macht der Bilder.
 
Mit diesem kurzen Exkurs in die Positionen der Ausstellung wird eines deutlich: Bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Ansätze der vorgestellten Künstler-/innen – Emotionales wirkt sich wie ein roter Faden durch sämtliche Kunstwerke. Mit dieser Betonung des Gefühls begegnet die gezeigte zeitgenössische Kunst der Kunst der Romantik.
 
Bei diesem Treffen dabei zu sein, dazu möchte Sie diese Ausstellung einladen. Einladen, die junge Kunst zu entdecken und den Geschichten zu lauschen, die sie uns erzählt. Oder mit Joachim Ringelnatz gesprochen: „Also Kinners, wenn ihr mal fünf Minuten lang das Maul halten könnt, dann will ich euch die Geschichte vom Rotkäppchen erzählen…“ – Romantik trifft Streetart.
 
Dr. Stefanie Lucci
 
Art in Business | www.stefanielucci.com